Mittwoch, 7. Februar 2007

einem trend auf der spur...

"Almanci" -
Arbeitslose junge Türken kehren Deutschland den Rücken

"Finde ich einen guten Job?"

Jedes Jahr erklären mehr junge Türken, sie wollen in die Heimat ihrer Eltern zurückzukehren. 2001, so das Essener Zentrum für Türkeistudien, waren es 20,7 Prozent - zwei Jahre später bereits 28,5 Prozent. Die Zahlen sagen noch nichts über tatsächliche Umzüge; eher beschreiben sie Befindlichkeiten. Die Frage "Finde ich einen guten Job?" - spielt dabei aber eine zentrale Rolle.


der auszug aus diesem wirklich wirklich sehr lesenswerten dradio-artikel ist nun auch schon seine drei jahre alt. interessant, dass er trotzdem immer relevanter wird, wie man auch hier häufig feststellen kann...

ps, ebd:

Esther Karay, Projektassistentin einer Deutsch-Türkischen Stiftung in der Hansestadt:

"Wenn man zum Beispiel in ein Unternehmen Geld und Arbeit steckt, kann man damit in der Türkei noch reich werden. Das ist in Deutschland eher schwierig. Man muss eine gewisse Hasadeurseele dafür haben, man muss etwas wagen, das kann gelingen oder nicht. Und darauf sind die Menschen in der Türkei auch vorbereitet. Allerdings Rückkehrer oder Migranten aus Deutschland eher nicht! Das ist dann eher dieses Sicherheitsdenken und Abwägen, was wir ja auch haben. Was dann oft verhindert, dass man Chancen auch wahrnimmt und eher kleben bleibt an etwas, was nicht wirklich optimal ist."

&

"Tatsächlich sind diese Jugendlichen wirklich gut ausgebildet: mindestens zweisprachig, deutsch und türkisch, haben oft noch englisch dabei oder noch eine andere Fremdsprache in der Schule gelernt. Ich verstehe das, offen gesagt, nicht so ganz, warum diese Jugendlichen nicht besser unterkommen. Das wird für Deutschland als Standort und auch international immer wichtiger, genau diese Fähigkeit zu haben! Und es ist schade, dass diese Jugendlichen so frustriert werden! Weil wenn sie erstmal in die Türkei zurückgehen und wenn sie erstmal dort Fuß gefasst haben, kommen die natürlich auch nicht wieder. Das ist ganz klar."

...almanya, dämlich vaterland...

eines der themen des tages: hedgefonds, was ist das überhaupt?

"Deutschland tritt für mehr Transparenz bei den bisher weitgehend unkontrollierten Hedgefonds ein. Die etwa 9000 hoch spekulativen Finanzinvestoren, die überwiegend von den USA und Großbritannien aus agieren, verwalten schätzungsweise etwa 1400 Milliarden Euro. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) will seine G7-Kollegen beim Gipfeltreffen in Essen für eine Transparenz-Initiative gewinnen. Erwogen wird, bei Banken Informationen einzuholen, wie viel Geld sie an die Fonds verliehen haben und wo diese Gelder angelegt sind. Erhofft werden Auskünfte zur Risikostreuung. Dominoeffekte in Finanzkrisen sollen vermieden werden. Die Fonds selbst sollen ihre Informationspolitik überdenken. Ziel ist dem Vernehmen nach ein freiwilliger Verhaltenskodex. Im Gespräch ist auch eine Art Gütesiegel für die Branche, der durch unabhängige Rating-Agenturen erstellt wird. Denn die USA stört eher die unterbewertete chinesische Währung Yuan, die maßgeblich zum riesigen chinesischen Überschuss im Handel mit den USA beiträgt." siehe: YEN-VERFALL Hedgefonds-Zocker bedrohen das Weltwährungssystem

grüß dich, eriwan!

genau genommen weiß ich wieder nichtmal, ob ich das jetzt darf, aber vor etwas mehr als zwei monaten bin ich recht zufällig in einer kleinen galerie abends in die ausstellung "merhabarev" geraten, für die armenische und türkische fotografen jeweils nach eriwan und istanbul gefahren sind, um von diesen dann bilder "mit nach hause" zu bringen. wie seh ich dich, wie siehst du mich? finanziert von heinrich böll.
und nun, einige zeit und das land viel aufwühlendes später, lese ich gerade in der dezember-ausgabe der türkischen fotozeitschrift geniş açı einen bericht dazu, sowie ein interview mit einem der fotografen: eigentlich hatten wir selbst keine genaue idee, was uns da erwarten würde.

in der ausstellung habe ich jedenfalls, ungewöhnlich für mich, reichlich gebrauch gemacht von den freiheiten des kulturdiebstahls im zeitalter seiner digitalen umsetzbarkeit - und fremde fotos fotografiert. die fotografen mögen's mir nachsehen, ist ja auch ein kulturtipp...

schlagabtausch

und hier gleich die reaktion in der zeit (im zünder) auf bingül von selim özdoğan - aber ehrlich gesagt habe ich die schon lange vor dem artikel gelesen, auf den eigentlich reagiert wird...

"Es gibt eine Geschichte von einem Mann, der sich für ein Maiskorn hält und deshalb panische Angst vor Hühnern hat. Er begibt sich in Therapie und nach etwa 200 Stunden ist der Patient geheilt. Er hält sich nicht mehr für ein Maiskorn. Als der Therapeut ihm ein Huhn zeigt, rennt er aber schreiend aus dem Raum.
Ich dachte, sie glauben nicht mehr, dass sie ein Maiskorn sind, sagt der Therapeut. Ja, sagt der Mann, ich weiß, dass ich kein Maiskorn bin, aber weiß das Huhn das auch?

Es muss ein tiefliegender, nicht behebbarer, möglicherweise genetischer Charakterdefekt sein, dass ich mich immer wieder angesprochen fühle, wenn von Deutschtürken die Rede ist, selbst wenn ich weiß, dass ich eigentlich nicht gemeint sein kann.
...

Ja, ich weiß, dass alles Gute in die Welt kommt, weil jemand mehr tut als er muss. Aber mir geht es wie diesem Mann, der weiß, dass er kein Maiskorn ist. Ich weiß mittlerweile, dass ich integriert bin. Es sind nur ganz schön viele Deutsche, die das nicht wissen. Und ich bin es leid, Überzeugungsarbeit zu leisten. Wer will – bitte. Ich möchte nicht mein Leben als Sklave dieser Themen verbringen.
Aber eigentlich wundert es mich nicht, dass Birand Bingül soviel Platz und Aufmerksamkeit bekommt und ich dann hier ein paar Zeilen dazu schreibe. Wäre ich bequemer Deutscher, der so einiges nicht weiß, dann würde mir Bingüls Meinung auch besser in den Kram passen als meine.


Das nennen sie dann Kultur."


und selbst wenn es also nur ein rein pragmatisches zweckbündnis der verschiedensten (und manchmal auch eigentlich gar keiner geschlossenen) communities wäre, von der birand bingül träumt um einer guten sache willen - die maiskorn-"maskerade" will sich dafür schon lange nicht mehr jeder aufsetzen.

Dienstag, 6. Februar 2007

weiterleitung...

wie immer hat mir björn als gern gesehener und treuer leser wieder ein paar tolle links zukommen lassen, die ich vorher selbst noch nicht entdeckt hatte, zum beispiel zu einem überaus lesenswerten, gerechtfertigt langen artikel von birand bingül in der zeit mit dem wuchtigen titel deutschtürken, kämpft selbst für eure integration.
vielen dank dafür, arkadaşım - aber stell die doch ruhig auch einfach mal direkt hier rein. :-)

wie auch immer, gemocht habe ich u.a. folgenden kommentar bingüls, der recht zentral im artikel auftaucht:

"Türken und Deutsche haben eine zwanghafte Vorliebe für Schuldfragen. Zwei Völker von Gefühlshistorikern, das macht es nicht leicht", -

denn irgendwie, finde ich, sagt er tatsächlich etwas ziemlich wahres über beide seiten und auch deren verhältnis zueinander. man kann das eigentlich gar nicht übersehen... :-)

nochmalig einschränkende präzisierung

tatsächlich gibt es hier ein kurzes interview mit dem ehemaligen kulturminister frankreichs, jaques toubon, über den noch vor 12 jahren die ganze welt gelacht hat, als er eine quotenregelung für die verwendung des französischen einführte, aber in einem ganz anderen zusammenhang; ist er doch auch gleichzeitig derjenige, der seit nun gut 4 jahren für die konzipierung eines umfassenden museums zur geschichte der einwanderung nach frankreich verantwortlich zeichnet, der cité nationale de l'histoire de l'immigration, das noch dieses frühjahr in paris eröffnet wird. und auch da wieder zeigt sich: wenn man sich in frankreich denn endlich auch mal einem solchen thema zuwendet, dann nicht verhalten und kleinklein, sondern gleich mit einem triumphalen paukenschlag.
bei uns gibt es das domit in köln, aber das ist ein selbstgegründeter verein und arbeitet, wie es selbst sagt, mit "geringen finanziellen mitteln". vom ausmaß her kein vergleich also.

anm.: ach, übrigens nochmal zur sprachdebatte: lustigerweise hat sich wirklich ein neues deutsches wort in den französischen kulturalltag eingeschlichen, und das ausgerechnet bei einer (den fotos nach ungeheuer attraktiven) multiethnischen hiphopformation, die sich den schönen namen compagnie käfig gab. und das auch noch mit dem exotischen ä...

ausdifferenzierung.

natürlich, es gibt wissenschaftler, die können uns einen brain drain um einiges ausdifferenzierter und weniger polemisch erklären als ich es eben tat: klaus bade zum beispiel, der deutsche gérard noiriel.
bleibt zu ergänzen: das, was ich eben vielleicht meinte war 'lediglich', dass ökonomische und infrastrukturelle probleme doch bei weitem nicht immer das einzige argument sein können für massenhafte ab- und spärliche zuwanderung. es gibt menschen, die sollen tatsächlich in länder zurück- oder überhaupt erst hingehen, wo die arbeitsbedingungen um einiges schlechter sind als bei uns, und die müssen ja auch ihre gründe finden, oder?

hirnausfluss.

jetzt schreibt also sogar schon die new york times in aller ausführlichkeit über den deutschen brain drain - und man bekommt fast ein schlechtes gewissen, vor dem einen nur ("die besten geister dieses landes"!) die bescheidenheit rettet.

argumentiert wird vor allem ökonomisch und ergonomisch und die "besten" die dann gehen, tun dies dann vor allem auch der times zufolge, um sich in den vereinigten staaten oder im nachbarland schweiz dumm und dämlich zu verdienen. freiheit ist ein kabriolett und das einzige, was familie thoma nach eigenaussage später in kanada mal vermissen würde, sei, nach deren bekunden, "deutsches fernsehen und die autobahn". man kommt sich vor, als hätte der redakteur ein zitat für das land, aus dem kraftwerk kommt, gesucht.

weber'sches konter auf die ökonomietheorie (das wohl sofort als erzkonservativ und kurzsichtig attackiert werden wird) und zwar von jemandem, der wie so ziemlich jeder typisch junge deutsche von heute sich in alle nur denkbar angebotenen sprachkurse der vhs oder der sprachenzentren stürzt, der pflichtbewusst für eine reise abroad sein kleines langenscheidtelchen einsteckt, wenigstens noch so geringer kommunikationsgelegenheiten in der jeweils einheimischen zunge wegen: eine kultur schafft sich seine lage ja auch irgendwie selbst, nicht?
und sicher, jede sprache bereichert sich durch fremdes wortgut, purismus ist ein schimpf und schand auf unwissen gebaut, im deutschen lässt sich das lange nachvollziehen bis in die morphologie hinein: wäre aus den komplexesten gründen zb über jahrhunderte jeder noch so kleine graf kein frankophiler gewesen, hätten sich wohl auf dauer die tätigkeitswörter auf -ieren
nicht als eigenständige verbgruppe bei uns niedergelassen. und schön sind sie ja. sinnieren zum beispiel. oder parieren.
dabei ist der germanist in der regel viel besser vorbereitet darauf als seine kollegInnen aus den nachbarsprachen, diese kontakte aufzuzeigen, bis ins kleinste aufzudröseln, und anschliessend aus der wissenschaft ein politisches argument zu machen: seht her, sprachen sind nun mal so.
und wir lachen über die franzosen und ihr toubon-gesetz (und wie lange habe ich mitgelacht), mit dem sie dem imperialistischen anglo-saxon von über dem kanal oder dem atlantik einhalt gebieten wollen. das kann doch nicht deren ernst sein, wie soll denn das jemals...aber oft genug hat es eben auch funktioniert, und selbst wenn es eine typisch französische don quichotterie sein sollte, zeigt es wenigstens eine völlig andere haltung zur sprache.

wie kam ich nun von familie thoma auf die loi toubon? eine englischsprachige zeitung beschreibt den deutschen status quo mit einem knackigen wort für akademikermigration und mir will partout keine entsprechung in der sprache des landes, über das geschrieben wird, einfallen.
was mich an mir persönlich ärgern könnte, da ich sprachspielereien nunmal sehr zugetan bin - was aber darüber hinaus, ja auch das nichts neues, trauriges symptom ist: wenn eine sprache flächendeckend so gar nicht mehr, aber auch so überhaupt gar nicht mehr zum wortwitz einlädt, zum neologismus und zum griff in eine an sich prallvolle (eben durch sprachkontakt mitgewachsene) kiste von morphemen, wozu ist sie denn dann noch da?
jüdische dichterinnen wie nelly sachs oder hilde domin, die nach dem holocaust in der ganzen welt verstreut lebten, hätten eines nie preisgegeben: eine rose als stütze. sprache als heimat.
der deutsche selbst sieht das anders und wirft gerade diese begeistert als erste über bord: heil fremdwort. er singt parole, parole und sein audi heisst quattro.
franzosen, engländer und deutsche machen einen film zusammen, in dem freundlicher weise die deutschen im world war eins mal keine monster sind: in frankreich heisst er joyeux noel, in england merry christmas und in deutschland siehe england.
feiert man einen geburtstag ausser haus, dann wird von bon anniversaire über cumpleanos feliz in der regel alles geboten, und ich singe mittlerweile alles gute für dich, weil es mir schlicht zu blöd geworden ist, den anderen ein internationalized german happy birthday zu präsentieren.
dabei ist der deutsche durchaus nicht, wie der franzose und der amerikaner naiv vermuten, von natur aus sprachbegabter("oh you germans, for you english is just second nature"). wieso lernt er dann trotzdem fast in allen fällen, die mir bekannt sind, auch hier das türkische schneller als seine mit-'eifernden'?
tatsächlich fing es hier an, mir auf die nerven zu gehen. nicht in frankreich, nicht in paris, wo es eine traditionelle, völlig selbstverständliche, von beiden seiten akzeptierte, geheime übereinkunft gibt, dass das deutsche ein irgendwie peinlicher unsinn ist, dem französischen nicht ebenbürtig. (nicht umsonst sagen sie dort, wenn sie deutscher film meinen: fassbinder. der war so wild, so unzivilisiert, so arbeitsbesessen.)
diese vorstellung gibt es hier nicht. eigentlich gibt es oft überhaupt weiter keine genauere vorstellung zu d-land, weder schlecht noch gut. man ist im besten falle neugierig.
und so sagte ich dann ton steine scherben, einstürzende neubauten, stereo total, ein bisschen element of crime (ja, die singen deutsch - deine lakaien, die heissen deutsch, singen aber andersrum), can (nein, die singen eigentlich überhaupt nicht, haben aber tolle musik gemacht), cora frost, hildegard knef und karel gott.
so richtig viel fiel mir nicht ein. viel mehr hätte mir aber einfallen wollen!
letzten freitag war alec empire hier im babylon und ich bin auch mit einem freund hin, das war mir nach einem moment dann aber irgendwie peinlich und müde war ich auch. ich weiss also nicht, ob er noch immer so ausdauernd wie früher schreit "deutschland has gotta die!". das ist kritisch, das ist fashionable, das ist englisch, denn die welt soll ihn ja verstehen, die deutschen tun es sowieso.

neulich dann: abends auf dem nachhauseweg, manchmal kommen einem merkwürdige ideen, und so sangen wir denn spazierend schlaflieder in den jeweiligen sprachen, auf katalanisch, türkisch, kurdisch (!) und deutsch. ich: guten abend, gute nacht. musste aber ganz schön suchen, ehrlich gesagt, länger als die andern.

im türkischen, einer sprache übrigens, für die mein herz immer mehr schlägt, die aber bis jetzt nicht gerade durch soziologische literatur hervorgetreten ist, habe ich gestern durch zufall ein interessantes wort gelernt: es heisst "ötekileştirmek". es bedeutet, den anderen, dadurch, dass man sagt, er sei eben anders, auszugrenzen. ein wort, das gerade für die türkische realität von nicht zu unterschätzender bedeutung ist, sicher. es hat aber seine wurzel nicht im türkischen.
automatisch fiel mir denn auch ein entsprechendes bild aus einem seminar der europäischen ethnologie ein, zusammen mit tonspur, und so konnte ich mir das wort auch sofort rückübersetzen: wir sagen "othering". das muss man sich mal klarmachen. wir sagen: wieso otherst du mich denn so? jetzt hör doch endlich auf mich zu othern, bitte schön.

hirnausfluss eines verhalten konservativen

ps: natürlich liege ich mit all dem hier ausgebreiteten letztlich wissentlich total im trend; so hat judith holofernes nun ein kind bekommen und es demonstrativ friedrich genannt. genau wie meine großmutter meinen vater 1939...

Montag, 5. Februar 2007

"in der bar". mir ist übel. wirklich.

"Ich versuche Wege zu finden, um Gewalt als das darzustellen, was sie immer ist, als nicht konsumierbar. Ich gebe der Gewalt zurück, was sie ist: Schmerz, eine Verletzung anderer."
(michael haneke)

in der geschichte des kinos gibt es bekanntlicherweise eine ganze reihe von filmen, die auf unterschiedlichste weise und unterschiedlich erfolgreich das thema "eben noch war alles gut in der kleinen heilen welt, da bricht von außen ganz unerwartet unvorstellbar brutale gewalt ein" behandeln. die liste reicht von hanekes funny games über cronenbergs a history of violence zu truman capote bzw in cold blood schon davor oder jüngst detlev bucks knallhart, und würde man die fokussierung nur ein klein wenig erweitern, käme man mühelos zur mutter aller jugendistgewalttätigundpfeiftsicheinlieddazu-filme: a clockwork orange, nicht wahr? da sind wir dann auch schon bei dem, was kult ist. ein muss, und wenn du den nicht gesehen hast, na dann aber.
die liste wurde gerade diese woche um einen film erweitert übrigens: sein name: barda / in der bar, sein regisseur: serdar akar. heute abend habe ich ihn mir in begleitung ansehen.
die geschichte ist schnell erzählt: am beginn des films lernt man eine gruppe von freunden kennen (4 heterosexuelle, wieso erwähne ich das, pärchen, die man alle der istanbuler eher gehobenen mittelschichtsjugend zuordnen würde): eines der mädchen wird schwanger, das ist aber kein problem, denn die gemeinsame heirat aus liebe zueinander ist schon geplant, sowie auch ein urlaub mit den freunden auf einem segelboot irgendwo in der ägäis. das ganze wird ausführlich thematisiert - der zuschauer, also ich, reagiert zwischen genervt und fast schon neidisch ob dieser kuscheligen perfektion: bewusst würden diese menschen nie irgendjemand etwas antun, sie kämen gar nicht auf die idee -, um schliesslich nach einer ordentlich langen szene auf einem rockkonzert, die die weltoffene amüsierwilligkeit der clique unterstreicht, im barbereich des clubs zu enden. es ist spät, unsere freunde sind die letzten abgesehen vom barkeeper, und bei all dem, was nun folgt, merkt man schnell: auch sie hätten, bitte, früher gehen sollen: eine gruppe junger burschen steigt die treppe herunter, die klassischen verlierer der gesellschaft. das anschliessende ist nicht mehr schön mit anzusehen, und nicht nur der spoilergefahr wegen muss man das nicht nacherzählen. gezeigt werden (neben dem zu erwartenden: schläge, tritte, schusswaffen und rasierklingen, vergewaltigungen, sowie einem "originellen" fußballspiel mit den schon völlig lädierten freunden) immer wieder zwischengeschnittene szenen der gerichtsverhandlung sowie ein richter, den diese aus der distanz eines alten justizroutiniers aufs wunderbarste kalt lässt.
akar kennt sein metier und genre und hat deshalb auch einen soliden film abgeliefert, an einigen, den brutalsten, stellen schön mit trockenem humor durchsetzt, die moral des films soll sich nicht durch überdeutlichkeit vermitteln. so setzt zb der bestialischste, aber auch abgestumpfeste und älteste der bande vor 'seiner' vergewaltigung eine dicke hornbrille auf, um besser sehen zu können, und ähnelt damit eigentlich nur noch jedem xbeliebigen beamten aus bürobüro. dies in aller ruhe und in großaufnahme und unter ihm die frau, es darf gelacht werden.
der film macht es einem aber insgesamt durchaus nicht leicht: so wird er zum schluss zwar ein "gutes", aber kein happy ende haben. dass man es gerne leichter hätte mit ihm, ist verständlich. dass man auf ventilmomente wartet, wo man eben lacht, auch. und dass man die nach dem ersten gekicher über gebühr sucht. im kino, wir gingen so um halb fünf, für diese zeit ungewöhnlich voll, waren überwiegend sehr junge menschen so um die 16 bis 18, oft mit freundinlichem anhang. der uhrwerkorange-effekt wurde erwartet, erwünscht, und natürlich kann man da nicht zeigen, dass man den film eigentlich auch schockierend findet.
dass meine begleitung noch vor zwei jahren hier mit einer gemeinsamen freundin zusammen gewohnt hat, diese aber dann, da sie in der wohnung von einem jungen mann, der kein geld wollte, überfallen wurde, wobei das schlimmste im letzten moment nur durch panik des eindringlings verhindert wurde, auszog, dass daraufhin die polizei auf den fall mit genau dem selben lahmen interesse reagierte wie der richter in der fiktion, dass diese freundin seitdem auch nicht mehr in istanbul wohnt sondern anderswo arbeitet, das konnte keiner im saal wissen.
deswegen mag es auch für die anwesenden unverständlich oder übertrieben gewirkt haben, als meine begleitung in einem moment plötzlich völlig aufgebracht rief: freunde, was lacht ihr denn bei sowas?

in der türkei gibt es traditionell mitten im film eine antrakt genannte pause und diese wurde ausgerechnet an einer der schlimmsten stellen des filmes mit einer werbung für cremigen nescafe eingeleitet, man könnte von einer metzgermentalität des schnittmeisters sprechen. in der pause war die stimmung sehr gelöst und auch die zwei jungen männer, die noch kurz vorher neben uns gelacht hatten, spendierten nun marlboro für uns: hey bruder, wir hatten's doch nicht böse gemeint. natürlich, das dachte ja auch keiner.

am ende des films verließen wir den saal eher ratlos. leer irgendwie. nicht nur wegen der fünf gewalttäter, sondern wegen dem rundherum, das der film ja auch noch beleuchtet.
es wurde übrigens wieder oft schwuchtel gesagt. und arschhinhalter. aber das tun andere in anderen sprachen ja auch.
und arsch überhaupt, was nun aber nicht wie im deutschen ein drolliges schimpfwort ist, sondern für aggressivsexuelle kontexte reserviert.
"gewalt darstellen als das, was sie ist", sagt michael haneke: unkonsumierbar. aber andererseits publikum braucht man ja auch, und ich weiss noch nicht genau, was der film mehr wollte.
leer irgendwie - in einem solchen zustand ist es meistens am besten, man putzt irgendwas, die küche zum beispiel.
deswegen will ich mich jetzt auch entschuldigen, bevor die ganze arbeit schon vor mir gemacht ist.

Sonntag, 4. Februar 2007

neue höreindrücke aus der türkischen gerüchteküche,

deren den brei seit jahren verderbenden köchen man mitunter ganz gerne die köpfe bis zum endgültigen stillschweigen in selbigem untertauchen möchte (aber nein, wie sie selbst wissen, sind impulsive reaktionen eben gerade nicht der weg nach europa oder zu einem sonstwie schöneren justizsystem, mq bey...), gibt es hier.

einer der erwähnten köche ist übrigens der im feature zitierte "sprecher einer nationalistischen anwaltskanzlei" kemal kerinçsiz, der eine demonstration zugunsten eines ermordeten türkeikritischen journalisten schon deshalb nicht akzeptieren kann, weil dort keiner eine türkische flagge (!) getragen habe.

im november sind hier parlamentswahlen und erdoğan will sowohl modifizierer zu besagtem paragraphen 301 einladen als auch auf keinen fall dessen gesamte streichung zulassen - angst vor stimmenverlust in alle richtungen.

dabei der einzige vernünftige kommentar abschliessend von einer erziehungswissenschaftlerin, die noch immer das größte problem hinter allem auf oberster stelle verortet, nämlich im türkischen erziehungsministerium, das bis auf vereinzelte, erfreuliche ausnahmen noch immer routiniert bis in die kleinsten parzellen der elementarbildung hinein einfluss nimmt auf eine nationalistische erziehung, die viele erst viel später, viele eben aber auch gar nicht, zu hinterfragen lernen. und das in einem land, in dem es eben noch immer keine breite, gemütlich abgesicherte, denkende mittelschicht gibt.

die ngo, bei der ich hier praktikant bin, hat vor drei jahren eine untersuchung an unterrichtsmaterialien vorgenommen (gefördert durch die eu-kommission), und die verstöße, die darin in jede richtung, sei sie ethnischer oder geschlechtlicher oder sonstiger art, vorgenommen wurden gegen eine vorurteilsfreie erziehung, sind mitunter schlicht haarsträubend.

"Military service means the responsibility to learn and perform the art of war in the defense of the Turkish homeland, Turkish independance and the republic. This responsability is set forth in special laws. Military service, the most exalted service to country and nation, accustoms and trains youth to true life. Anyone who fails to perform his military service is of no use to himself, his family or his country." (Milli Güvenlik Bilgisi, eine Broschüre zu staatlicher Sicherheit, 2001)

das war 2001, seit dem hat das land gelernt. sicher. es weiss noch nicht immer gleich, was es aus dem gelernten für resultate ziehen soll. das verwirrt wiederum viele. ja, wenn das, was wir die ganze zeit gelehrt und gelernt haben, falsch gewesen sein soll, wie sollen wir es denn dann nun richtig machen?

gestern abend spät einen film gesehen: bulutları beklerken (auf die wolken warten/d). als darin die szene kam, wo die kinder in der gemeindeschule einen nationalistischen marsch sangen, an mich die frage: ja musstet ihr denn das nicht, die hymne singen montags, oder ein marschlied? nein, ich bin westdeutscher, ging auf eine recht liberale katholische privatschule, bei uns hiess es morgen - morgen -, und nicht einmal setzen, weil keiner aufstand, gesungen wurde nicht.

es gibt kinder hier, verwandte von freunden, an denen ich ehrlich gesagt sehr hänge, die aber weder später auf eine luxusuni gehen werden, noch wohnen sie im ranzigen, aber szenigen beyoğlu, sondern sagen wir: in ümraniye, auf der asiatischen seite, bekannt sowohl für seine flächenmäßige größe als auch für seine eher eingeschränkte weltoffenheit und geringe (wenn auch wachsende) wirtschaftliche zugkraft.
sagen wir nun, diese kinder sind jetzt im grundschulalter und in dieser knospezeit des lebens steht noch jedem alles offen. der ganze weite horizont. im november sind parlamentswahlen. das sind acht monate, februar inklusive. gruselig.